Einige der wirksamsten Maßnahmen im Ayurveda dauern weniger als eine Minute.
Das Zungenreinigen ist eine davon. In den klassischen Texten wird es nicht als optionale Ergänzung zur Morgenroutine beschrieben, sondern als grundlegende tägliche Praxis, die ebenso unverzichtbar ist wie das Waschen des Gesichts.
WAS DIE KLASSISCHEN TEXTE SAGEN
Sowohl die Caraka Saṃhitā als auch die Suśruta Saṃhitā beschreiben das Zungenreinigen als Teil der täglichen Aktivitäten, der Morgenroutine, die Körper und Geist auf den Tag vorbereitet. Das Aṣṭāṅgahṛdayam stellt es neben Ölziehen, Nasenspülung und Zahnreinigung als einen wesentlichen Akt der täglichen Hygiene dar.
Die Begründung ist präzise. Während des Schlafs verarbeitet das Verdauungssystem Abfallstoffe und scheidet sie aus. Am Morgen hat sich ein Belag auf der Zunge gebildet: sichtbar, oft weißlich, den die klassischen Texte als Manifestation von Ama identifizieren, den Stoffwechselrückständen, die sich ansammeln, wenn die Verdauung unvollständig ist. Bleibt dieser Belag an Ort und Stelle, wird er resorbiert oder mit der nächsten Nahrung wieder runtergeschluckt. Die dafür verantwortlichen Bakterien vermehren sich. Der Verdauungsprozess wird in Gang gesetzt, bevor die Arbeit der vergangenen Nacht vollständig abgeschlossen ist.

Das Entfernen dieses Belags verändert die Ausgangsbedingungen des Tages.
Klassische ayurvedische Quellen weisen zudem darauf hin, dass die Zunge ein direktes diagnostisches Fenster ist – ihr Belag, ihre Farbe und ihre Beschaffenheit spiegeln den Zustand des Verdauungssystems und das Gleichgewicht der Doshas wider. Ayurveda-Praktizierende lesen die Zunge nach wie vor als Teil der Beurteilung. Das tägliche Abkratzen am Morgen ist sowohl eine reinigende Praxis als auch ein Moment der täglichen Selbstbeobachtung.
WER SOLLTE ES TUN?
Jeder – mit einer Ausnahme. Personen mit einem sehr empfindlichen Würgereflex sollten behutsam beginnen, nur so weit nach hinten gehen, wie es angenehm ist, und es schrittweise steigern. Kinder können damit beginnen, sobald sie alt genug sind, um die Übung sicher durchzuführen, in der Regel ab etwa sechs oder sieben Jahren.
Besonders vorteilhaft ist es für diejenigen, die Folgendes bemerken:
- Einen weißen oder gelblichen Belag auf der Zunge am Morgen
- Mundgeruch, der trotz regelmäßigen Zähneputzens anhält
- Einen abgestumpften oder verminderten Geschmackssinn
- Eine träge Verdauung oder ein Völlegefühl nach dem Essen
- Häufige Erkältungen oder leichte Verstopfung
All dies sind Anzeichen für eine Ama-Ansammlung, und das Zungenreinigen ist eine der direktesten täglichen Maßnahmen, die zur Verfügung stehen, um dies zu reduzieren.

SO GEHT’S
Das Werkzeug ist entscheidend. Die klassischen Texte schreiben Metall vor – je nach Konstitution Gold, Silber oder Kupfer – und weisen ausdrücklich darauf hin, dass Materialien, die splittern oder sich zersetzen, nicht verwendet werden sollten. In der heutigen Praxis sind Edelstahl, Silber oder Kupfer die am besten geeigneten Materialien. Kunststoffschaber biegen sich eher, anstatt zu schaben, und hinterlassen Rückstände von Mikroplastik; sie sind kein wirksamer Ersatz.
Die Anwendung selbst:
- Führen Sie die Reinigung morgens durch, nach dem Zähneputzen und bevor Sie etwas essen oder trinken.
- Halten Sie den Schaber an beiden Enden fest und setzen Sie ihn so weit hinten auf der Zunge an, wie es angenehm ist.
- Ziehen Sie ihn in einer sanften, gleichmäßigen Bewegung nach vorne.
- Spülen Sie den Schaber ab und wiederholen Sie den Vorgang fünf- bis siebenmal.
- Spülen Sie anschließend den Mund mit Wasser aus.
Der Druck sollte leicht und bewusst genug sein, um den Belag zu entfernen, aber nicht so stark, dass es unangenehm wird. Die Zunge und ihre Geschmacksknospen bestehen aus empfindlichem Gewebe. Zu starkes Schaben verbessert das Ergebnis nicht, sondern reizt lediglich die Oberfläche und kann den Geschmackssinn mit der Zeit abstumpfen. Sanft und konsequent ist die richtige Vorgehensweise.
Der gesamte Vorgang dauert dreißig bis fünfundvierzig Sekunden.
Eines ist zu beachten: Der Belag auf dem Zungenreiniger jeden Morgen ist ein verlässlicher Indikator dafür, wie gut die Verdauung funktioniert. Ein starker Belag nach einer späten, reichhaltigen Mahlzeit ist aufschlussreich. Eine sauberere Zunge nach einem Tag mit leichter Kost ist es ebenso. Mit der Zeit wird diese kleine tägliche Handlung zu einer der nützlichsten Rückmeldungen, die der Körper uns gibt.

WANN MAN ES TUN SOLLTE
Immer nach dem Zähneputzen und bevor etwas in den Mund gelangt. Der Zweck besteht darin, das über Nacht angesammelte Ama zu entfernen, bevor es resorbiert oder weiter in den Organismus transportiert wird. Wenn man es erst nach dem Frühstück tut, verfehlt man den Sinn völlig.
Eine kleine Gewohnheit. Dreißig Sekunden. Der Unterschied ist für die meisten Menschen bereits innerhalb der ersten Woche spürbar – im Atem, in der Klarheit des Geschmacks und in einer subtilen, aber realen Veränderung, wie sich die Verdauung im Laufe des Tages anfühlt.

Quellen:
Caraka Saṃhitā, Sūtrasthāna 5;
Suśruta Saṃhitā, Cikitsāsthāna 24;
Aṣṭāṅgahṛdayam, Sūtrasthāna 2
Ich putze die Zähne immer erst nach dem Frühstück. Um sie nicht zweimal morgens putzen zu müssen, würde ich bevorzugt so vorgehen: Zunge reinigen, frühstücken, Zähne putzen.
Spricht etwas gegen diesen Ablauf?
Liebe Anne,
dagegen spricht, dass trotzdem der Zahnbelag mit dem Frühstück runtergeschluckt wird. Warum nicht Zähneputzen, Zunge reinigen, dann nach dem Frühstück nochmal ne Munddusche für den evtl. Rest verwenden und dann Ölziehen?
Lieben Gruß
Dr. Karin Pirc